Kritik an der Familienpflegezeit

Die Familienpflegezeit will denjenigen entlasten, der berufstätig ist und zu Hause Partner oder Eltern pflegt.

Beispiel: Wer einen Vollzeitjob hat, kann seine Arbeitszeit für 2 Jahre auf 50 Prozent absenken, das Einkommen verringert sich auch, aber lediglich auf 75. Ist die Pflegezeit vorüber, so muss wieder die volle Zeit gearbeitet werden, und zwar bei einem Einkommen von ebenfalls 75 Prozent. Dann ist der Lohnzuschuss aus den ersten beiden Jahren ausgeglichen ist.

Doch was bringt die Familienpflegezeit wirklich? Kritiker sagen, es sei ein Gesetz ohne Wirkung.

Kein Rechtsanspruch

Zwei Jahre halbtags zu arbeiten hört sich zunächst gut an. Doch was ist nach den zwei Jahren? Dann muss der Arbeitnehmer wieder voll arbeiten, die zu pflegende Person benötigt dann aber wahrscheinlich mehr Pflege als heute, da die durchschnittliche Pflegezeit bei sechs bis über acht Jahren liegt. Die lediglich zwei Jahre Familienpflegezeit sind deshalb absolut unzureichend.

Doch das ist nicht das einzige Problem, erfährt Plusminus von anderen pflegenden Angehörigen. Zum Beispiel in Niederbayern. Hier lebt Rosemarie Thalhammer und pflegt ihre 87-jährige Mutter - schon seit sieben Jahren.

Wenn ein Angehöriger neben der Pflege halbtags arbeitet und sich stundenweise ein Pflegedienst um den zu Pflegenden kümmert, aber das geschrumpfte Einkommen reicht oft nicht, um die Lebenshaltungskosten zu bestreiten. Denn die laufenden Kosten reduzieren sich ja nicht ebenfalls auf 75 Prozent. Viele pflegenden Angehörigen können sich die Pflegezeit somit finanziell überhaupt nicht leisten.

Ein weiterer gravierender Kritikpunkt ist folgender: Auch wer gerne die Pflegezeit in Anspruch nehmen möchte, kann sich nicht sicher sein, sie auch zu bekommen. Es gibt keinen Rechtsanspruch auf die Familienpflegezeit. Zwar kann er seinen Arbeitgeber bitten, ihm eine Familienpflegezeit einzurichten. Wenn der Arbeitgeber aber nicht will, dann hat der Arbeitnehmer Pech gehabt.

Viele Arbeitgeber lehnen die Familienpflegezeit ab

Viele Arbeitgeber bieten die Familienpflegezeit nicht an und wollen dies auch in Zukunft nicht tun. Das hat zum Beispiel mit dem Fachkräftemangel auf dem Arbeitsmarkt zu tun. Wenn ein Mitarbeiter für 50 Prozent oder mehr aus dem Tagesgeschäft herausgeht, ist hierfür oft kein Ersatz zu finden.

Besonders kleine Betriebe sprechen sich gegen die Familienpflegezeit aus. Grund ist vor allem die zusätzliche Bürokratie. Es muss für jeden Mitarbeiter ein besonderes Zeitkonto eingeführt werden. Es muss jeden Monat manuell in die Lohnbuchhaltung eingegriffen werden. Das Antragsverfahren ist komplett vom Betrieb durchzuführen. Es sind Schulungen für die Buchhaltungskräfte notwendig. Die Kosten für diesen bürokratischen Aufwand sind groß und kleinere Betriebe können sich dies nicht leisten.

Das Bundesfamilienministerium hingegen sieht dies anderes. Es erkennt ein starkes Interesse an der Familienpflegezeit.

Aber auch bei großen Unternehmen, die die Familienpflegezeit anbieten, etwa der DeutschenPost, der Deutsche Telekom oder der KfW Bankengruppe, ist das Interesse der Mitarbeiter an der Familienpflegezeit äußerst gering, wie aus Presseberichten zu entnehmen ist. Von mehreren 100.000 Beschäftigten hätten lediglich drei Mitarbeiter das Angebot genutzt.

Fazit: Keiner will die Familienpflegezeit so, wie sie jetzt im Angebot ist.